Als Language Technology Expert kümmert sich Patrick Ullrich um die technisch einwandfreie Anknüpfung von Kundensystemen an unsere eigenen. Wertschöpfende Arbeit ist Patrick dabei sehr wichtig; sein Fokus liegt darauf, immer den sinnvollsten Weg zum Ziel zu finden. Wir wollten wissen, was ihn an der Kombination aus Sprache und Technologie in seiner täglichen Arbeit fasziniert und was die neuesten Trends im LSP-Bereich sind.

Marcus:                                                                                                            

Hallo, Patrick, du bist seit 2006 im weitesten Sinne in der Sprachdienstleistungsbranche aktiv und arbeitest als Language Technology Expert viel mit Menschen zusammen, die Sprach- oder Kulturwissenschaften studiert haben.

Die Geisteswissenschaften werden oft als „nicht exakte Wissenschaften“ bezeichnet. Du bist nun eher der MINT-Typ, also naturwissenschaftlich orientiert. Worin besteht für dich der Reiz dieses Arbeitsumfeldes inmitten von Sprachexpertise und deinem Bereich der Sprachtechnologie?

Patrick:                                                                                                              

Da muss ich ein wenig schmunzeln, denn ich glaube, dass unsere Übersetzer und Lektoren es gar nicht so gern hören, wenn ihre Expertise zu den „nicht exakten Wissenschaften“ gezählt wird. Mein Eindruck ist jedenfalls eher gegenteilig. Ich finde es spannend, dass es hier Parallelen gibt. Der Kontext ist in beiden Bereichen wichtig, sowohl hinsichtlich der Sprache, um gewisse Dinge zu verstehen und zu adaptieren, als auch in der Technologie, um zu entscheiden, welche Art von Lösung im konkreten Fall sinnvoll ist.
Entwickle ich also eine „große“ Lösung, die alle Problemfälle abdeckt, oder lieber eine „kleine“, zielgerichtete Lösung für genau diesen einen Use Case? Diese Symbiose – so kann man es schon fast bezeichnen – aus Sprache und Technologie fasziniert mich, seitdem ich mich damit beschäftige. Die beiden Bereiche lassen sich wunderbar miteinander vereinen. Daher fühle ich mich heimisch in unserer Branche.

Marcus:                                                                                                            

Welche Programmiersprachen „sprichst“ du denn?

Patrick:                                                                                                              

Ich bin ja eigentlich kein Softwareentwickler. In meiner Zeit als Product Owner habe ich viel mit einem Softwareentwicklungsteam gearbeitet und die Anforderungen, die an die Software gestellt wurden, „in Entwicklersprache übersetzt“. Ich denke, ich bin weniger von den Programmiersprachen begeistert als von den Menschen, die sie beherrschen. Denn damit sind ja richtig geniale Sachen möglich. Aber du brauchst auch immer jemanden, der dafür sorgt, dass das, was gebaut, also entwickelt wird, auch seinen Zweck erfüllt. Aus meiner Sicht ist das das Spannendste an Softwareentwicklung.

Marcus:                                                                                                            

Lass uns über deinen Start bei Wieners+Wieners sprechen, der pandemiebedingt ausschließlich remote vonstattenging. Der Hauptsitz von Wieners+Wieners ist in Ahrensburg bei Hamburg und du wohnst und arbeitest in Franken. Deine Kollegen kennst du bislang ausschließlich vom Bildschirm. Erzähl uns bitte, wie die Einarbeitung unter diesen Umständen ablief.

Patrick:                                                                                                              

Ich war schon gespannt, wie meine Kollegen mit einer Remote-Einarbeitung umgehen würden. Das ist auf jeden Fall etwas Neues für uns alle gewesen. Meine Bedenken haben sich jedoch ziemlich schnell verflüchtigt, da die Pandemie zum Zeitpunkt meines Eintritts bei Wieners+Wieners bereits circa ein Jahr im Gange war und sich in dieser Zeit schon bestimmte Gewohnheiten im Arbeitsalltag etabliert hatten. Das habe ich auch direkt gespürt, denn bereits vor meinem ersten Arbeitstag bin ich schon intensiv im Austausch mit meinen neuen Kollegen gewesen. In Videokonferenzen haben wir darüber gesprochen, wie der erste Tag, die erste Woche und der erste Monat laufen werden. Ich habe im Vorfeld einen Einarbeitungsplan bekommen und ich wusste, an wen ich mich bei gewissen Themen wenden kann. Aber worauf ich mich natürlich freue, ist, alle Kollegen einmal persönlich vor Ort kennenzulernen. Videokonferenzen können zwar auch persönlich sein, aber es ist doch noch einmal etwas anderes, wenn man sich eine ganze Woche zu einem Workshop trifft oder den ganzen Tag von Angesicht zu Angesicht im Dialog ist.

Marcus:                                                                                                            

Kommen wir zu deinem Arbeitsalltag. Magst du uns erzählen, was ein Language Technology Expert macht?

Patrick:                                                                                                              

Als Language Technology Expert bin ich Teil eines Teams und sorge dafür, dass der laufende Betrieb mit unseren „Werkzeugen“ gesichert ist. CAT-Tools (Computer-aided-Translation-Tools), Programme zur Qualitätssicherung, aber auch unsere „Schatzkammer“, Translation Memorys und Terminologiedatenbanken, müssen funktionieren und optimal genutzt werden können.

Das sind Aufgaben, die der Unterstützung der Kollegen zur Vorbereitung oder im Verlauf von Übersetzungsprojekten und somit auch unseren Kunden dienen. Die Betreuung unserer Kunden umfasst oft übergeordnete Themen wie Automatisierung von Übersetzungsprozessen, Konnektivität und künstliche Intelligenz, die ja gerade in aller Munde sind. All das sind superspannende Themen, mit denen wir uns in der Sprachtechnologie, aber auch im Unternehmen als Ganzem intensiv auseinandersetzen.

Marcus:                                                                                                            

Du hast einen für die Übersetzungsbranche immer interessanter werdenden Begriff genannt: künstliche Intelligenz. Was, denkst du, werden die jüngsten Entwicklungen in diesem Bereich für Auswirkungen auf die Bedürfnisse von international orientierten Unternehmen, sprich unseren Kunden, haben?

Patrick:                                                                                                              

Die Zeiten, in denen Unternehmen einzelne Aufträge an Sprachdienstleister und eine Word-Datei mit der Bitte um Übersetzung schicken, sind langsam vorbei.

Was wir verstärkt sehen, ist, dass zwei miteinander verbundene Systeme miteinander „sprechen“ und unseren Kunden auch bewusst wird, dass dies so funktionieren muss, weil es in internen Prozessen bei ihnen selbst auch schon so funktioniert. Nehmen wir zum Beispiel einen Industriekunden, bei dem interne Systeme komplett autark miteinander kommunizieren und Content austauschen. Als Kunde erwarte ich dann natürlich, dass mir mein externer Dienstleister auch so eine Konnektivitätslösung anbieten kann.

Die Digitalisierung schreitet stetig voran und die Unternehmen lernen Software aus einer ganz anderen Perspektive kennen. Teilweise sind sie sogar selbst Hersteller oder zumindest Betreuer von Software, in der Content gehalten wird, der internationalisiert werden soll. Obwohl das eigentlich gar nicht ihr Fachgebiet ist! Da reden wir nicht nur von der Website, die im CMS gepflegt wird, sondern von großen Produktinformationsmanagementsystemen oder Industrieanlagen etc., die miteinander sprechen.

Die große Herausforderung ist es, früh genug, also bereits in der Planungsphase der Implementation eines neuen Systems, mit der Beratung beginnen zu können. Manchmal kommen wir als Übersetzungsdienstleister sehr spät in diese Kette rein, erst, wenn alles schon steht. Wenn wir dann die Frage stellen, ob der Content im jeweiligen System überhaupt international gepflegt werden kann, bekommen wir die Antwort: „Nee, daran haben wir noch gar nicht gedacht.“ In so einem Fall können wir natürlich theoretisch viel übersetzen, aber es bringt ja nichts, wenn die Übersetzungen über das System nicht publiziert werden können. Zum Glück werden wir jedoch zunehmend früher in die Planungsphase einbezogen.

Diese Themen, Konnektivität oder die bereits angesprochene künstliche Intelligenz, sind sehr große Bereiche mit viel Potenzial, aber sie sind eben auch sehr komplex. Hierbei geht es meiner Meinung nach darum, diese Komplexität aufzulösen und das Potenzial, das diese Technologien bieten, zweckgebunden einzusetzen. Denn nur, wenn du als Kunde weißt, was du brauchst, kannst du von deinem Dienstleister erwarten, dass er dir eine maßgeschneiderte Lösung für dein Problem liefert – passgenau und simplifiziert.

Als Dienstleister haben wir den Anspruch an uns, dass wir den Gesamtüberblick haben über die Möglichkeiten, die auf dem Markt sind. Wir können so evaluieren, welche Technologien wir einsetzen und in welchem Bereich wir uns weiterentwickeln müssen. Im Gespräch mit unseren Kunden können wir so sehr schnell verstehen, was sie brauchen.

Neural Machine Translation ist zum Beispiel gerade der Hit, aber auch schon fast wieder ein alter Hut, weil diese Technologie in der Übersetzungsbranche bereits etabliert ist. Andere Themen rücken in diesem Zusammenhang in den Fokus, nämlich Datenschutz und die Anonymisierung von Daten, damit die trainierten Übersetzungsengines in solchen Machine-Translation-Systemen gemäß DSGVO arbeiten.

Das sind Dinge, die realisierbar sind, aber dahinter steckt dann sehr viel Arbeit inklusive Abstimmungsrunden zur Klärung von bestimmten Aspekten usw. Jede Woche werden neue Blogbeiträge und Studien veröffentlicht, die Neuigkeiten in diesen Bereichen vorstellen. Dann gibt es plötzlich ein ganz neues Feld an Möglichkeiten. Der Markt bleibt spannend!

Marcus:                                                                                                            

Wie wäre es deiner Meinung nach, wenn ausschließlich die Maschine die Übersetzungsarbeit machen würde? Wann wird die Technologie so ausgereift sein, dass sie den Menschen komplett ersetzen kann? Wird das überhaupt jemals geschehen?

Patrick:     

Also, ich habe mich gerade gefragt, ob ich das überhaupt noch miterleben würde. „Ersetzen“ ist ein hartes Wort und ich glaube, komplett ersetzen werden Maschinen den Menschen erst in ferner Zukunft, wenn überhaupt. Dafür müssten Kreativität und eigenständiges Denken – hier sind wir wieder bei den Geisteswissenschaften – „nachgebaut“ werden können. Die Technologie, die aktuell existiert, funktioniert, auf den Einzelfall bezogen, schon sehr gut. Vor allem, wenn die Maschine „trainiert“, also mit Daten gefüttert wird – aber immer nur in abgesteckten Bereichen.

Ein guter Humanübersetzer kennt seine Kunden und dessen Anforderungen genau. Wenn die Maschine eine vergleichbare Qualität liefern soll, dann muss zuvor sehr viel Aufwand betrieben werden: Die maschinellen Rohübersetzungen müssen stetig durch menschliche Post-Editoren mit Fachwissen nachbereitet werden. Mit diesen Daten wird die Maschine dann nach und nach „trainiert“.Das ist zwar kein Garant dafür, dass die Maschine irgendwann genauso gut wie der Humanübersetzer sein wird, aber die Qualität wird permanent verbessert. In gewissen Bereichen erzielt die Maschine dann schon gute Ergebnisse.

Zudem ist es spannend, dass es bereits viele von Maschinen geschriebene Artikel gibt, seien es nun Produktbeschreibungen, Fachartikel oder Blogbeiträge. Wenn nun Maschinen voneinander lernen würden, also diejenigen, die bereits die redaktionelle Arbeit übernehmen, und die, die übersetzen und Texte internationalisieren, werden irgendwann Lösungen möglich sein, die wir uns zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in Gänze vorstellen können.

Marcus:                                                                                                            

Verrate uns doch bitte abschließend, was für dich gute Arbeit ausmacht, also ab welchem Moment du mit dir und deiner Arbeit zufrieden bist?

Patrick:                                                                                                              

Auf den Punkt gebracht: wenn eine Lösung, an der ich mitgearbeitet habe, den Wert unserer Dienstleistung steigert. Egal, ob qualitativ oder quantitativ. Dann bin ich zufrieden. Dahinter steckt halt jede Menge. Allein schon das Wort „Wert“. Das beinhaltet so viel, dass du auch weißt, was wertvoll ist oder wie du wertschöpfend arbeiten kannst.

Marcus:                                                                                                            

Patrick, vielen Dank für deine Zeit – wir freuen uns, dich bald „richtig“ persönlich kennenzulernen.

 

Das Interview führte Marcus Schöne. Marcus ist seit 2014 bei der Wieners+Wieners GmbH und als Japanologe in der Welt der Sprachen zu Hause. In seiner Rolle als Produktmarketingmanager sammelt er für Wieners+Wieners Produkt- und Markttrends im Bereich Sprachdienstleistungen.